Pandahill [beta]

Projekt: Mensch 2.1

Neü Lit

Kunst.

Das wahrlich fünfte Element.



Hier enstseht ein Roman mit dem Arbeitstitel "Das Schwarzwald Kettensägenmassaker"

Für euch gibt es drei Varianten

[eins] ihr schaut einfach zu

[drei] ihr bringt kreativen Input

[zwei] ihr schreibt mit!



Das Schwarzwald Kettensägenmassaker

 

 



Eine kleine, dicke Ente hievte sich über die Straße, als Doktor Knut Knaffsack einen Anruf von seiner toten Frau bekam. Sein Herz blieb für einen Moment stehen, nur ein einzelner, fieser, übertrieben heftiger Stich traf ihn. Kalter Schweiß, der nie die Absicht hatte je etwas anders zu sein, als kalter Schweiß, legte sich um seinen Nacken, als wäre es die frostige Hand des Fährmanns. Dem Handy war das egal. Auf dem Beifahrersitz vibrierend, spielte es die ersten paar Takte des zweiten Satzes von Dvořáks  Neunter, der Lieblings-Symphonie seiner toten Eleonore. Auf dem Anruferbild ist sie zusehen, sie lächelt und hat ein Glas Rotwein in der Hand. Jener Schnappschuss stammte vom dreißigsten Geburtstag ihrer Sohnes Waldemar. Waldemar hasste seinen Namen und es wurde zu einer Art morbiden Spaß zwischen ihm und seiner Mutter, dass er sagte Eines Tages wirst du dafür bestraft, dass du mir diesen furchtbaren Namen gegeben hast woraufhin sie stets antwortete, Nur über meinen Tod! Es war ein liebevoller Witz, bis zu jenem Tag, als man ihre Leiche in dem dunklen Waldstück unweit des hiesigen Sportplatzes fand. Naila, das kleine 2 000 Seelen- Nest in welchem die Familie Knaffsack bereits in dritter Generation den Beruf des Hausarztes besetze, hatte seit dem Ende des Krieges keinen Mord mehr gesehen. Knut griff zitternd nach dem teuflischen Mobiltelefon zu seiner Rechten, konnte es jedoch nicht berühren. Eine unsichtbare Macht ließ ihn nicht zugreifen, stattdessen drehte er das Radio lauter, so laut, dass die Lautsprecher nur noch leidendes Krächzen von sich gaben. Die Sechzehn-Uhr-Nachrichten plärrten stolz als wären sie Kundgebungen von revolutionärem Charakter. Doktor Knaffsack starrte schweißgebadet durch die Frontscheibe seines Volvo SUV. Unnötiges Gerät. Ihm wollte nicht klar werden, wofür er einen Geländewagen brauchen sollte, aber seine Frau fand es ganz toll, solch ein zeitgemäßes Vehikel in der Garage stehen zu haben. Je mehr er dagegen kämpfte an seine Frau zu denken, desto sturer behauptete sich ihre Visage in seiner Oberstube. Mit verkrampften Händen und schmerzhaft abwesenden Blick krallte er sich regungslos am Steuer fest, nahm den Fuß vom Gas, überließ sein Schicksal dem großen Manitu.

Und genau davor hatte Buno Kalle Zeit seines Lebens eine geradezu vergiftend lähmende Angst. Jedes Mal, so sagt er, wenn das Funkgerät spricht, kriege ich Gänsehaut, denn ich denke dann immer Jetzt hat es einen deiner Freunde dahin gerafft. In über fünfundzwanzig Jahren als Polizeibeamter kommt das leider unverschämt oft vor, jedoch nicht ohne den Nebeneffekt, letztlich mit dem Funkspruch an sich mehr kämpfen zu müssen, als mit der Tatsache in wenigen Momenten auf die Leiche eines Bekannten zu treffen. Wenn er zu einem Schauplatz fuhr, egal ob Unfall oder Verbrechen, verzog sich sein sonst so gewinnendes Wesen zu einer zerdrückten Zigarettenschachtel. Mit ernster Miene und auf das Schlimmste vorbereitet ging er seine Arbeit an, seelenruhig, nahezu kalt. So auch, als er den gespaltenen Schädel seines alten Banknachbars Knut Knaffsack neben einer obszön gewachsenen Eiche fand. Der Knut, der ihn mit sechzehn die Freundin ausspannte, mit dem er regelmäßig nach München zum Fußball fuhr, der beim letzten Klassentreffen so eine bewegende Rede über Freundschaft, das Leben und die Zukunft hielt, der seine Frau verloren hatte, nie den Mut verlor, stets für alle ein Ohr für die Seele und eine Hand zur Hilfe hatte, der seinem Stammtischkumpel Bruno zehntausend Euro lieh, als dessen Tochter schwanger wurde, um seinen Dachboden auszubauen, und der nie, niemals nach der Kohle fragte und Bruno die Zeit gab, die brauchte um seine Schulden zu begleichen, der Doktor Knut Knaffsack, der Trauzeuge bei seiner Hochzeit war. Dieser feine Mensch rast ohne Sicherheitsgurt gegen einen Baum? Äußerst eigenartig. Bruno Kalle erreichte den Unfallort nur mit den sauren Überresten eines milchigen Kaffees in seinem Magen. Er stieg aus, mit diesem grimmigen Gesichtsausdruck, den man von ihm gewohnt war, wenn er seine blaue Uniform trug. Als er sich dem Toten näherte, nahm er seine Mütze ab, hielt sie vor seinen leicht dicken Bauch und schloss die Augen. Blind ging er die letzten Schritte und stoppte intuitiv vor der Leiche seines Freundes. Der Kommissar und der Arzt – ein letztes Mal nebeneinander. Es fiel ihm schwer, den geschundenen Brocken Mensch vor ihm mit Würde entgegenzutreten. Ist lustig hingefallen, was Chef? Justin-Tim Barleck, seit drei Wochen im Dienst, Sorte aufgedreht und taktlos, hatte den Fotoapparat in den Händen und stand nun aufgedreht neben seinem Kollegen. Dieser war davon sichtlich genervt. Soll ich ein Foto machen, Chef? Bruno Kalle verdrehte die Augen und nickte schnaubend vor sich hin, bevor er eine Zigarette aus seiner Hosentasche fischte und Ja, mach das sagte.

Und nenn' mich nich' Chef, bin genauso nur ein Dorfbulle wie du.

ERSTES KAPTEL

In der Nacht plagte sich Bruno Kalle mit furchtbaren Fantasien. Seine Frau Betti sorgte sich um ihn, doch wusste sie genau wie sehr er es hasste, wenn man merkte, dass es ihn nicht gut ginge. Daher tat sie als würde sie schlafen und während sie das tat, plante sie das Essen für die ganze Woche. Dass er in zwei Tagen in den Schwarzwald fahren würde um den Tod seines alten Freundes auf den Grund zu gehen, konnten beide nicht ahnen. Merkwürdig war, dass trotz grellem Mondlichts, Regen gegen das Schlafzimmer schlug wie ein Betrunkener, der auf eine Toilettentür eindrischt. Die Eheleute bemerkten diesen eigenwilligen Scherz jener Nacht nicht. Am nächsten Morgen wachte Bruno Kalle vor dem Bett auf. Nachdem seine Frau um halb fünf aufgestanden war, um das Vieh zu versorgen, blieb er liegen, sich hin und her wälzend, Stück für Stück raus aus dem Bett und runter auf den Bettvorleger. Kater Edelbert lag stattdessen auf dem Kopfkissen. Er war ein fetter, roter Zeitgenosse von stolzer Natur und äußerst buschigem Schweif. Bruno verschluckte sich an seinem Schnarchen und wachte um 7:28 Uhr auf, ohne zu wissen, wo er war. Als er den Geruch von frischem Kaffee erschnupperte, denn seine Nase war das beste Organ an ihm, orientierte er sich an der Fährte und realisierte zügig, dass er zuhause und nicht im Kongo war, wie sein Traum es ihn hatte weismachen wollte. So wäscht er grummelig sein verschlafenes Gesicht und wirft sich den einen Morgenmantel über, den er seit dreißig Jahren jeden Morgen und jeden Abend überwirft.

        

Die Küche erreichte er Bauch kratzend, gähnend, auf seinen Geist wartend. Dies konnte bis zu anderthalb Stunden in Anspruch nehmen. Bruno Kalle musste seinen Leben lang zwei Stunden vor allen anderen aufstehen. Zwei Stunden nach allen anderen aufzustehen, stellte den so gut wie pensionierten Polizeibeamten vor eine kaum zu bewältigende Aufgabe. An solchen Tagen war es das Beste, wenn er umgehend wieder in die Koje wanderte. So auch an diesen so ungemütlich kalten Sommeranfang. Und so stapfte er mies gelaunt zum Kühlschrank, kramte einen Packen Weißwein hervor und holte die letzten zwei Gläser vom letzten Abend nach. Zack, Zack. Das Eingießen kostete ihn mehr Zeit als das Trinken. Das Gemüt prostete dem Tag zu und so trottete Bruno Kalle bewaffnet mit Kaffee und Kippen auf die Terrasse, wo er sich niederließ und seine Frau betrachtete, die auf dem Boden kniend vor den Einzelteilen ihres Damenrads wilde Flüche keifte. Genüsslich schaute Bruno ihr. Das ist meine Betti, dachte er sich glücklich, ein Herz aus Eichenholz und das Mundwerk eines Fuhrmanns. Dabei spürte er eine seichte Erektion in der Leistengegend. Lächelnd nahm er auf dem bequemen Holzstuhl Platz, schlug die Beine übereinander und paffte träumend vor sich hin.  Er stellte sich vor, er wäre in Havanna, am Strand in einer kleinen Spelunke sitzend, Betti zur Rechten und eine Flasche Rum zur Linken, zufrieden nach einem langen Tag als Fischer.  Sie würden sich angenehm betrinken, die Abendsonne in sich aufsaugen und die kubanischen Rhythmen in den Venen haben. Je näher er der Rente kam, umso näher kam er auch seinen Traum.
Betti schüttete ihrem Mann ein Glas lauwarmes Wasser über den Kopf. Aufwachen, sagte sie, du musst bald los. Nein, antwortete Bruno abwesend, den angenehmen Sommerregen Kubas spürend, wir haben den Rest unseres Lebens Zeit. Dann spürte er die pfeffrige Ohrfeige seiner Frau und war auf einmal wieder zurück im Thüringer Wald. Die hagere Betti schaute ihn grimmig an. Hör auf so dumm zu knaffen, meinte sie, du musst Ksenia in einer Stunde vom Bahnhof abholen und bis nach Eisenach brauchst du mindestens 'ne halbe Stunde, also jetzt spring unter die Dusche und wasch dir deinen Rausch vom Ranzen!
Verdammt. Er hätte im Bett bleiben sollen. Hätte sich bei seiner Frau krank melden und seinen freien Tag gemütlich in der Kiste verbringen sollen. Und jetzt das. Aus seinen süßen Träumen gerissen musste er sich nun auf in die Stadt machen um seine Enkelin abzuholen. Wie konnte er es nur vergessen? Weil er andere Sachen im Schädel hatte, den Tod seines alten Freundes. Den Mord seines alten Freundes. Und Mord war es ganz sicher. Ganz gewiss hatte er andere Probleme. Ksenia hatte auch ganz andere Probleme, denn sie wachte panisch in der Badewanne auf. Nachdem sie in den noch zaghaften Morgenstunden in ihre Wohnung kam, geschafft von lauter Musik, getränkt von Schweiß und unbefriedigter Leidenschaft, ließ sie sich ein Bad ein, zündete Kerzen an und vergrub sich in dem Fensterlosen Raum. Nach kurzer Zeit war sie eingeschlafen, nach zwei Zügen an dem Joint, den sie sich nur aus Gewohnheit gebastelt hatte. Jetzt hatte sie keine Ahnung wie spät es war. Ohne auch nur an ein Handtuch zu denken, hievte sie sich aus dem Wasser und stürzte nackt und nass in das Sonnen geflutete Wohnzimmer. Mit zusammengekniffenen Augen stöberte sie wie ein Fährtenhund  nach einer Zeitanzeige. Halb elf. Mist!, plärrte sie und warf ihr Handy auf das Sofa. Elf Uhr elf stand auf dem Ticket. Leipzig – Eisenach. Bis zum Bahnhof brauchte sie von Zuhause aus circa eine Viertelstunde. Ihren großen Reiserucksack packen, dafür blieb keine Zeit mehr, denn für gewöhnlich machte sie das sehr langsam und bedacht. Es war ihr wichtig, auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. Für jede Wetterlage mussten Klamotten dabei sein, für jeden Gemütszustand das passende Buch, für jede Person ein kleines Andenken. Und das waren nur die Dinge, die wichtig waren. Dazu kamen noch die ganzen Kleinigkeiten wie Laptop, handliches Werkzeug, Taschenlampe, Schreibblock, Stifte, Fotoapparat, Verteilersteckdose, Kosmetikartikel. Die Liste war ewig lang und dementsprechend sorgfältig musste sie abgearbeitet werden. Aber dafür blieb keine Zeit. Instinktiv musste sie nun verschlafen ihren Kram zusammensuchen und akzeptieren, dass ein gemütliches Frühstück nicht drin war. So hetzte sie durch ihre Bude und warf alles in den Rucksack, was ihr in die Hände fiel. Erst als sie das Gewicht auf ihren Schultern spürte und wie das Nylon sich in ihrer verbiss realisierte sie, dass sie noch immer keine Klamotten trug. Ob sie rechtzeitig an Gleis 17 sein würde, sollte weiterhin spannend bleiben.
Mit grimmiger Miene verabschiedete Bruno Kalle sich von seiner Frau und machte sich auf den Weg nach Eisenach zum Bahnhof. Nachdem er einige Meter von seinem Haus weg war, fing er jedoch an zu grinsen und sich zu freuen, denn eigentlich mochte er seine Enkelin. Im Radio lief gerade Beat it von Michael Jackson. Er nickte im Takt, zündete sich eine Zigarette an und griff nach dem Flachmann in seiner Jackentasche. Als er ihn mit den Fingerspitzen berührte, spürte er die Gravur im Metall. Für ihn selbst war das Hakenkreuz nichts anderes als die Erinnerung an seinen Vater. Er nahm einen kräftigen Schluck, dann noch einen und bekam wässrige Augen ohne genau zu wissen warum. Es war schlichtweg eine vom Alkohol inszenierte Sentimentalität, die der Mensch gerne geneigt ist  überzubewerten, aber für den Moment fühlte sich Bruno ernsthaft ergriffen von dem Leid der Vergangenheit. Dann kamen die Nachrichten. Kommissar Kalle hört dem Nachrichtensprecher zu, als säßen sie gemeinsam am Lagerfeuer und würden sich Geschichten erzählen. Was sich weltpolitisch auf der Erde abspielte, war für Bruno nie mehr als eine Fiktion. Was er nicht selber sehen, hören oder fühlen konnte, nahm er nur zum Zeitvertreib war. Als Unterhaltung. Manchmal lachte er über ernste Beiträge. Er grinste wenn Peter Scholl-Latour so bitter ernste Interviews führte oder seine Meinung zu diversen Krisen und Kriegen kund tat. Man darf es Bruno Kalle aber nicht übel nehmen, wenn er über den Absturz eines Flugzeugs erheitert war, es war für ihn einfach nicht real. Seine Frau Betti ist das längst gewohnt, doch hin und wieder erlaubt sie sich einen Scherz, indem sie wie aus Bächen los heult, wenn sich Promi-Paare trennen. Bruno verdreht dann stets die Augen, schüttelt mit dem Kopf.
Als er am Bahnhof in Eisenach angekommen war, hätte der Zug bereits seit einer viertel Stunde da sein sollen, doch von Ksenia war weit und breit keine Spur. Wütend misshandelte er sein Telefon und schaffte es dann doch sie anzurufen. Ksenia nahm ab, sie klang so, als wäre sie außer Atem, sie stöhnte leicht. Jaha, sagte sie. Hier ist dein Opa, grunzte Bruno ins Handy, dein Opa, der hier auf dich wartet, wo bist du denn? Bist du am rennen? Verfolgt dich jemand? Nein, antwortete sie, ich bin im Zug. Auf der Toilette. Auf'm Klo?! Ist alles in Ordnung, meine Kleine? Ja, ja....jaha, aaaalles schick. Ich hab' dir doch geschrieben, dass ich einen Zug später nehme. Wie, geschrieben? Na, bei WhatsApp. Bei wem? Beim Sepp? Warum schreibst du dem Sepp was? Ruf mich doch einfach an! Sorry, hatte den Mund voll. Aber dir geht’s gut, ja? Alles bestens. Wann kommst du denn dann jetzt endlich mal her, Herr Gott!?!? Halbe Stunde, Holmes, halbe Stunde. Na, gut. Ich warte hier und betrinke mich. Is' recht, Holmes. Bis später! Ja, ja, bis später.
Diese Plagen. Wäre ich doch bloß zur Bundeswehr gegangen, irgendwo Krieg führen. Da wäre ich mit etwas Glück bereits tot. Seine Gedanken waren recht morbide. Er blätterte alle möglichen Zeitschriften durch. Als erstes griff er zur Beef. Ein Fachmagazin für Fleischliebhaber. Während er so durch die dicken Steaks blätterte, nahm er sich fest vor, heute Abend den Grill an zuschmeißen und die Nachbarn einzuladen.
Er überlegte sich gerade, bei welchem Fleischer er seine Steaks holen würde, als er fast von jetzt auf gleich unsagbar dringend urinieren musste. Also legte er die Zeitschrift weg, zurück ins Regal mit der Beef. Er wollte sich noch merken, bis zu welcher Seite er gekommen war, aber als er von den Toiletten zurück kam, war er zu aufgebracht darüber, 70 Cent für einen Strahl in die Ecke bezahlt zu haben, und musste erst einmal eine rauchen. Dazu nahm er einen Schluck aus seinen Flachmann und beobachtete die Jugendlichen, die vor dem Bahnhof herum lungerten. Junge Mädels mit kurzen, teuflisch engen Hosen, weiten T-Shirts und Mützen. Wollmützen im Sommer! Für Bruno Kalle gab es keine Mode, nur Zweckdienlichkeit der Kleidung. Warum etwas kaufen, was keinen praktischen Wert hat? Warum etwas anziehen, nur weil es in ist? Ein weiterer Schluck aus dem Flachmann. Ein ziemlich großer sogar. Direkt danach setzte er noch einen noch viel größeren Schluck hinterher. Allmählich erreichte seine Betrunkenheit ein Level der Heiterkeit. Nun beobachtete er die jungen Leute mit Freude. Ihre absurde Naivität, diese alberne Freiheit der Kinder. Viele Menschen in meinem Alter, dachte er sich, erzählen ständig davon, wie schön es wäre noch einmal siebzehn zu sein. Am Arsch, erstens bin ich viel zu gerne ein alter, richtiger Mann und zweitens, wenn ich jeden Tag mit diesen ungebildeten Kids verbringen müsste – sogar selber eins wäre! - oh, dann würde ich mich von früh bis spät betrinken und jeden ankotzen, der es wagt mich anzusprechen. Ein weiter Hieb aus dem Flachmann, noch eine Kippe und dann torkelte Bruno Kalle wieder nach drinnen zu den Magazinen. Er bekam ein bisschen Hunger, wollte aber nichts essen, weil er heute Abend noch unbedingt den Rost anwerfen will. Der herrliche Geruch der Bockwurst, der in seine Nase stieg, während er beim Bäcker vorbei lief, ließ seinen Magen vor Lust vibrieren. Aber er blieb hart und ging zurück, stellte sich vor die Zeitschriften und stöberte. Die 4 Wheel Fun machte ihn neugierig. Geländewagen findet er Klasse. Wie sein verstorbener Freund Knut. Bei diesem Gedanken wird er sentimental. Er muss sich zwingen, nicht darüber nachzudenken.
Knut öffnete sich ein frisches Bier, drückte seinen Daumen auf die Öffnung und schüttelte sanft die Flasche. Mit dem ausströmenden Getränk löschte er die Flamme des Grills ein wenig, träufelte das Bier dabei über die fast fertigen Rostbratwürste und lies heftig einen fahren. Da es keiner bemerkt hat, grinste er in sich rein, als wäre er ein Schuljunge, der mit einem dämlichen Streich ungeschoren davon gekommen ist. Wobei keiner gelogen ist, denn Ksenia stand nur ein paar Meter weiter mit einem Joint in der linken und einer Zitrone-Bergamotte Bionade in der rechten Hand und betrachtete ihren Opa eine Weile kopfschüttelnd. Eines ihrer Hobbies. Mit Vorliebe beobachtet sie Leute, die denken, dass sie alleine sind. Nichts ist so amüsant wie Menschen, die sich unbeobachtet fühlen. Lachend stellte sie sich neben Knut, sprach Na, Holmes, die KadaverBrocken haste wohl schon 'ne Weile im Keller, wa? Die riechen voll vergammelt, meinste nich' auch? Knut wurde rot im Gesicht, halb weil er sich ertappt fühlte, halb weil er es nicht leiden kann, wenn seine Enkelin, die KampfVeganerin, ihn mit seinem Fleischkonsum aufzieht. Sei blos ruhig, du dürre ÖkoTante. Ein ordentliches Stück Fleisch würde dir mal gut tun, damit was rauf kommt, auf dein Gerippe. Ich mag mich schlank Holmes, und die Männer mögen mich auch schlank. Ja, ja, du und die Männer. Möchte mal wissen, für wie viele du schon die Beine breit gemacht hast. Nein, Holmes, möchtest du nicht. Und was rauchst du da wieder für ein Kraut? Is kein Kraut, bestes Pott aus Amsterdam! Du weißt schon, dass ich Bulle bin, Kindchen? Klar, wenn ich auf'n Revier sage, dass ich deine Enkelin bin, krieg ich den feinsten Stoff aus der Reservatenkammer! Ha, so hab ich überhaupt mein erstes Semester finanziert! Trink 'n anständiges Bier, Kleines, und gut ist. Ne, ich hab's nich' so mit der Sauferei. Ja, ja, ihr Schlitzaugen werde ich nie verstehen, fressen nichts anständiges, hüpfen von Matratze zu Matratze und können nich' mal n Bier saufen, und mein Sohn muss so eine dick machen, das will mir bis heute nicht in den Schädel! Ich bin kein Schlitzauge! Wir Thais haben Rautenförmige Augen, kuck! Schlitzaugen sind die Japsen! Dann biste eben n Katzenkopf! Holmes, das sind nu wieder die Vietnamesen! Ist doch egal, ihr Fitschies seht doch alle gleich aus! Tun wa eben nich! Und ich bin kein Fitschi, ich bin ein Thai! Ja, ja, is ja gut. Hier, Holmes, nimm ma n Zug und entspann dich ma wieder. Biste nich froh, dass ich da bin? Doch, klar, nur die Sache mit dem Knaffsack geht mir nicht aus der Rübe. Dann solltest du erst recht 'n Zug nehmen, Holmes. Wenn du dafür einen Schluck Bier trinkst?Abgemacht.

Die beiden grinsen sich liebevoll an und probieren dem anderen seine Drogen. Knut skeptisch, nimmt einen seichten Zug vom Joint und hustet danach eine Weile. Ksenia nimmt einen Schluck Bier und verzieht anschließend das Gesicht als hätte sie ein Glas warme Pisse getrunken. [...]

 

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